Half-Speed oder Full-Speed? MFSL im Wechsel der Schnittgeschwindigkeiten – Zum Fall MFSL, Teil 2

Half-Speed oder Full-Speed? MFSL im Wechsel der Schnittgeschwindigkeiten – Zum Fall MFSL, Teil 2

Die Diskussionen der letzten Tage um die Veröffentlichungen von MFSL haben auch in unserem Haus für Unruhe gesorgt. Wir sind nicht nur überrascht, sondern auch verärgert über die Art und Weise, wie die neuen Fakten zum Remasteringprozess bekannt geworden sind. Dass diese nicht vom Label selbst publiziert wurden, sondern durch die Recherchen eines Plattenhändlers durchsickern mussten, lässt uns staunen.

Lassen Sie uns eins vorausschicken: Die LPs aus dem Hause Mobile Fidelity Sound Lab zählen aus unserer Perspektive zum klanglich Besten, was der Markt hergibt. Daran hat auch die aktuelle Debatte nichts geändert. Der betriebene Aufwand, um ein möglichst originalgetreues Remaster anzufertigen, ist enorm. Das hat nicht zuletzt das Interview mit Rob LoVerde, Shawn R. Britton und Krieg Wunderlich bestätigt.

Doch die neuen Einblicke in die Arbeitsprozesse haben weiteren Staub aufgewirbelt. Auf dem Prüfstand steht nun außerdem: das Half-Speed-Mastering. Als deutscher Vertrieb für MFSL haben wir Kontakt mit dem Label aufgenommen, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Der große Erfolg von Mobile Fidelity Sound Lab basiert auf den LP-Veröffentlichungen ab 1977 bis in die 1980er Jahre. Damals fertigte der legendäre Toningenieur Stan Ricker (✝ 2015) die herausragenden Vinylschnitte, die bei MFSL erstmals als „Original Master Recordings“ erschienen. Besonders war daran, dass er für den Masteringprozess das sogenannte Half-Speed-Verfahren nutzte. Diese Technik kam zuvor zwar schon bei der Decca zum Einsatz, allerdings nur für kurze Zeit, nur für Klassiktitel und auch nur für eine kleine Auswahl an Titeln. Ricker griff den Ansatz auf, verbesserte ihn und brachte ihn für Wiederveröffentlichungen aus dem Rock- und Popkatalog zum Einsatz.

Als MFSL im Jahr 2001 nach vorangegangener Insolvenz den Betrieb wieder aufnahm, setzte auch der neue Eigentümer Jim Davis auf das Half-Speed-Mastering, bei dem die Musikinformation des Masterbands mit halber Geschwindigkeit vom Schneidestichel in die Lackfolie geschnitten wird. Der Vorteil dieses Verfahrens ist eine detaillierte und dennoch „runde“ Hochtonwiedergabe. Als Nachteil gilt gemeinhin ein etwas weniger präziser Bassbereich. Stan Ricker ließ jedoch nichts auf das System kommen, das damals mit einem Ortofon-Schneidekopf ausgestattet war.

Ganz anders sah das Tim de Paravicini (✝ 2020), der hinter dem technischen Konzept der aktuellen Masteringkette in Sebastopol steckt und viel darin der verwendeten Elektronik selbst entwickelt hat. Er behauptete, der Vorteil des Half-Speed-Masterings läge vor allem darin, empfindliche Schneidestichel zu schonen und vor dem Hitzetod zu bewahren. Seine Haltung: Wenn man es nur richtig macht, dann ist Full-Speed genauso gut und der Tontechniker muss das Geleier der viel zu langsam spielenden Musik aus den Monitoren nicht ertragen.

Irgendwann konnte de Paravicini das MFSL-Team davon überzeugen, es mit einem Neumann-Schneidestichel und einem von ihm modifizierten Schneideverstärker zu probieren. Und wieder einmal sollte das Technikgenie recht behalten. Die Full-Speed-Lösung mit seinem Ansatz klingt nicht nur im Bass deutlich präziser, sondern ist auch im Hochtonbereich keinen Deut schlechter als die vorherige Half-Speed-Lösung.

Der Leiter des Masteringstudios, John K. Wood, bezeichnet dies als Bruch mit einem Dogma. Nie hätte er geglaubt, dass so etwas möglich wäre. Nach und nach begann dann der Hinweis auf das Half-Speed-Mastering auf MFSL-Titeln zu verschwinden. Leider auch hier, ohne die Fans, Musikmagazine, Vertriebe oder Händler darüber aktiv zu informieren. Aus diesem Grund hält sich bis heute die Annahme, MFSL-LPs seien im Half-Speed-Mastering produziert – bis vor Kurzem auch bei uns.

Sucht man nach Erklärungen für all das, trifft man auf die Information, dass die Marketingabteilung des Mutterunternehmens von MFSL, Music Direct, nicht in Sebastopol, sondern im weit entfernten Chicago sitzt. Dort bekommt man vom Studioalltag nichts mit und so versandete die Information der Techniker, die einfach ihren Job gemacht haben, auf den über 2.000 Meilen zwischen Mastering und Verwaltung.

So kommt es dann nicht zuletzt, dass auch uns als Vertrieb bei der Präsentation der MFSL-Titel Fehler unterlaufen sind. Dafür möchten wir uns entschuldigen. Hätten wir es besser machen können? Sie dürfen annehmen, dass wir uns diese Frage intensiv stellen. Aber mindert die falsche Kommunikation auch die Qualität der Veröffentlichungen? Die Antwort darauf ist sicher individuell. Für uns bleibt es dabei: Unter den Reissues von MFSL sind einige, die zu den wichtigsten Titeln unserer Plattensammlung gehören. Ihre klanglichen Vorzüge gegenüber vielen anderen Veröffentlichungen haben uns überzeugt. Wir glauben weiterhin daran, dass die Toningenieure des Labels keinen Aufwand und keine Mühe scheuen, um ein optimales Ergebnis zu erhalten. Und wir setzen darauf, dass man in den USA jetzt auch verstanden hat, dass Transparenz über den Herstellungsprozess wirklich wichtig ist.

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